Ein Betriebssystem ist eine oeffentliche Infrastruktur, die nicht nur diejenigen Leute etwas angeht, die es als Ware kaufen. Sie laesst sich noch schlechter durch Verkauf finanzieren als sich ein oeffentliches Strassensystem ueber Strassenzoelle finanzieren laesst.
In dem Moment wo man das System verkauft, muss man es undurchsichtig machen, da sonst jemand anders es kopieren und billiger verkaufen koennte. In dem Moment wo man es undurchsichtig macht, beeintraechtigt man aber eine seiner wichtigsten Funktionen und schaedigt die Oeffentlichkeit.
Daher muss Systemsoftware von demjenigen bezahlt werden, dem sie dient: der Oeffentlichkeit oder ihrem Vertreter. Mangels verantwortungsbewusster Staaten wird diese Vertreterrolle derzeit von privaten Initiativen wie der Free Software Foundation wahrgenommen.
Die Aufgabenliste der FSF sagt, was mit welcher Prioritaet zu erledigen ist. Insbesondere die am Schluss rangierenden sonstigen Projekte erscheinen mir wichtig.
Vektorisierte Beschreibungen der Alphabetsbuchstaben in einer ausdruckskraeftigen Sprache wie Postscript oder Metafont lassen sich nur mit grossem Aufwand erstellen und stehen dann der Oeffentlichkeit zum Kopieren bereit. Sie gehoeren zu dem Bereich der Systemsoftware, der nur durch Verstuemmelung in das System der Marktwirtschaft hineingepresst werden kann.
Daher gibt es bis heute keine ordentlichen programmunabhaengig verwertbaren Fonts (Zeichensaetze) fuer die ostasiatischen Sprachen. Dies ist ein schmerzhaftes Versagen der Kulturpolitik dieser Laender.
Das Muenchener Centrum fuer Informations- und Sprachverarbeitung (CIS) besitzt ein umfassendes elektronisches Woerterbuch der deutshen Sprache. Um damit Geld zu verdienen und in einer Zeit knapper oeffentlicher Finanzen existieren und seine Arbeit fortsetzen zu koennen, verheimlicht es dieses Woerterbuch der Oeffentlichkeit und verkauft es stattdessen grossen Firmen, die es hinter den am unbedarften Benutzer orientierten Oberflaechen von speziellen Programmen (Spracherkennungssoftware) verstecken.
Dadurch wird die Oeffentlichkeit daran gehindert, am Aufbau des Woerterbuches teilzuhaben. Es kann kein gesamtgesellschaftliches Projekt entstehen, bei dem viele Einzelne ihr Mosaiksteinchen zum komplexen Werk der maschinellen Sprachverarbeitung beitragen und allerlei Anwendungen zu entwickeln, die helfen koennten, das Niveau der sprachlichen Kommunikation und damit die Effizienz der gesamten Volkswirtschaft anzuheben.
Die marktwirtschaftliche Zersplitterung des oeffentlichen Interesses in Einzelinteressen schaedigt letztlich alle Einzelinteressen.
Bis heute werden Gesetze und Normen in Buchform verkauft und die oeffentlichen Normgeber finanzieren sich z.T. durch den Verkauf dieser Buecher. Wo diese Normwerke in elektronischer Form bereitgestellt werden, sind sie an MS Windows gekoppelt und/oder durch allerlei Verschluesselungsverfahren in ihrer Portabilitaet beschraenkt.
Es ist an der Zeit, dass alle normgebenden Instanzen wie der Bundestag, DIN, ISO kaj die Patentaemter verpflichtet werden, ihre Normen ohne jegliche Urheberrechtsbeschraenkung und ohne Bindung an ein bestimmtes Medium der Oeffentlichkeit derart zur Verfuegung zu stellen, dass sie mithilfe einfacher Konverter automatisch in beliebige ausdrucksstarke Hypertextformate umgewandelt werden k"onnen.
Das Geschaeft mit Adressdaten ist so unstabil, dass praktisch kein Marktrecht sondern das Gesetz des Dschungels herrscht. Die halboeffentliche Telekom versuchte mithilfe ihrer Monopolstellung pro CD mehrere 1000 DM vom Kaeufer zu erpressen. Daraufhin brachten verschiedene Hersteller offensichtliche Raubkopien der Telekomdaten auf billigen CDs auf den Markt. Der Endbenutzer bekommt die Daten nach wie vor nur in verschluesselter, an bestimmte Betriebssysteme und schlechte Programme gebundener Form. Bei der Inbetriebnahme des Programms muessen allerlei Knebelerklaerungen eingewilligt und schwarze Messen zelebriert werden.
Wuerde eine Firma die Daten in ausdrucksstarker Form der Oeffentlichkeit zur Verfuegung stellen, so muesste diese Firma glorreich bankrott gehen. Glorreich, denn sie haette unserer Volkswirtschaft einen starken Wachstumsimpuls gegeben. Die Kosten der Arbeitsteilung waeren deutlicher gesenkt als durch die Einfuehrung des Euro. Fuer jedes Projekt liessen sich ohne grossen Aufwand, ohne Agenturen, ohne Abzocker und Knebelbestimmungen, die besten Mitarbeiter ausfindig machen.
Jeder Buerger sollte Zugang zu geographischen Datenbanken haben, an die sich verschiedenste Anfragen richten und aus denen sich verschiedenste Landkarten automatisch erzeugen lassen. Die Marktwirtschaft wird das nicht erlauben. Die Basisdaten werden in den Haenden weniger Monopolunternehmen bleiben und allenfalls mit Hardware wie dem Navigationssystem einiger Autohersteller (z.B. GPS von BMW) unentwirrbar fest verdrahtet zu uns kommen. Allerlei kreative Verwendung wird aus diesem Grunde von vorneherein ausgeschlossen bleiben.
[al paghkapo]
[antauen]
http://www.lrz.de/~phm/pubbideo7.html
1998-01-04 © PILCH Hartmut (poto/pgp/ttt)