Rechtschreibreform: Vorteile überwiegen

  • Grundzüge des Reformwerks
  • weniger Regeln, mehr Systematik
  • enge Anlehnung an bisheriges
  • mehr Kann-Regeln statt Muss-Regeln
  • Abgebildet werden nicht Laute sondern Zeichen
  • Eindeutschung bishin zur Volksetymologie
  • Volksabstimmung statt Ministerialbeschluss?
  • Einige Fragen
  • Querverweise
  • Grundzüge des Reformwerks

    weniger Regeln, mehr Systematik

    z.B. ß nur noch nach langem Vokal oder Diphthong

    enge Anlehnung an die bisherige Ortographie

    Auch lange umstrittene Merkmale der deutschen Orthographie (wie Großschreibung) werden beibehalten, lediglich die Detailregeln werden entrümpelt.

    mehr Kann-Regeln, weniger Muss-Regeln

    Dem Anwender wird zwar eine geringere Gedächtnisleistung, dafür aber eine höhere Sprachkompetenz zugemutet. Z.B. Will ich Helikopter wirklich als griechische Zusammensetzung Heliko-Pter verstanden wissen? Ist Delphin noch immer ein Fremdwort oder nicht eher schon als Delfin eingedeutscht? Ist "Zooorchester" leserlich genug oder soll ich "Zoo-Orchester" schreiben? Ist der "sondern"-Teilsatz so groß, dass ein Komma vor "sondern" dem Leseverständnis eher nützt als schadet?

    Abgebildet werden nicht Sprachlaute sondern Sprachzeichen

    "dass" und "das" werden nach wie vor unterschieden.

    Sprachzeichenverwandschaft springt ins Auge: Gämse-Gams, Grauen-gräulich, Quantum-Quäntchen, blau-einbläuen.

    Eindeutschung bis hin zur Volksetymologie

    Sprachzeichen, die nur mithilfe von Latein- oder Griechischkenntnissen als solche erkennbar sind, werden zugunsten einer eindeutigeren Laut-Form-Relation unkenntlich gemacht. Nicht nur werden die griechischen Aspiraten ph, th, ch in Philosophie, Photosynthese, Chemie usw der neudeutschen Aussprache angepasst. Auch Wörter lateinischer Herkunft werden volksetymologisch interpretiert. "Numerieren" wird aus dem Zusammenhang zum lateinichen "numerus" herausgenommen und volksetymologisch zu "nummerieren" umgedeutet.

    Abgesehen von solchen vereinzelten volksetymologischen Fehlinterpretationen ist jedoch die Eindeutschung fremdsprachlicher Morpheme durchaus vorteilhaft. Sie stellt eine eindeutige Laut-Form-Beziehung her, ohne die Zeichen-Form-Beziehung zu beeinträchtigen. Das Morphem "filo" ist auch in "Filosofie" und "Filologie" noch als Bedeutungsträger erkennbar. Nach einiger Gewöhnung dürfte es die Bedeutungsassoziation nicht wesentlich weniger unmittelbar hervorrufen als dies heute "philo" tut.

    Eine konsequente Eindeutschung auch englischer und französischer Morpheme könnte helfen, unsere Sprache gegen allzu bedenkenlose Anleihen zu immunisieren. Meistens entstehen Entlehnungen, weil der Schreiber des Deutschen nicht genügend mächtig ist. Hat er ein eindeutiges Regelsystem vor sich, das in jedem Fall konsequent anwendbar ist und sich tatsächlich beherrschen lässt, so wird er schon einmal seinen Grips anstrengen und statt "Autsorsing" lieber "Auslagerung" schreiben.

    Einige Regeln

    Volksabstimmung statt Ministerialbeschluss?

    Gegner der Ortographiereform möchten das Werk nun durch Volksabstimmung zu Fall bringen. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass es in der Öffentlichkeit kaum diskutiert wurde. Ähnlich wie bei der Einführung des Euro fühlt die Öffentlichkeit von den Politikern überrumpelt. Kein Wunder, dass in wenigen Tagen in Bayern und Schleswig-Holstein die nötigen Stimmen für eine Volksabstimmung zustande kamen.

    Nur wird leider auch dann, wenn es zu einer Abstimmung kommen sollte, die Öffentlichkeit ohne Wissen und Wollen zur Urne getrieben und wird dann uninformiert unter dem Eindruck irrationaler Stimmungen entscheiden. Die Kompetenz wird nur von den Ministerialbeamten zu den Kampagnenfinanzierern verlagert. Was ist eigentlich demokratischer?

    Die Reformgegner lehnen es ab, sich von "denen da oben" etwas "vorschreiben" zu lassen und argumentieren mit "Menschenrechten". Zehntausende von Schülern wollen "schreiben wie Roman Herzog". Sie übersehen, dass jede Sprache und Schrift auf Konventionen beruht, die nicht in die Privatsphäre gehören, sondern mehr oder weniger sinnvoll von außen gesetzt werden. Indem sie jegliche öffentliche Normierung (Konventionssetzung) ablehnen, schützen sie aber den einzelnen keineswegs vor der Willkür der Normierung sondern überlassen sie lediglich den Kräften des "Marktes", was im Informationsbereich einem Weg in die Knechtschaft gleichkommt.

    Manche Reformgegner wollen die deutsche Kultur bewahren. Leider entfernt sich aber de facto die deutsche Sprache immer mehr von dem Zustand, dem die jetzige Orthographie einmal angemessen war. Dabei wird dieses Regelwerk, das fast niemand beherscht, zunehmend unübersichtlich. Das ist mit ein Grund für grassierendes Dummdeutsch und englische Lehnwörter. Man leht sich lieber ans Englische an, statt sich auf das Glatteis unklarer Regeln zu wagen. Nur eine sehr klar geregelte deutsche Rechtschreibung bietet eine gewisse Immunität gegen den Ansturm des Englischen. Wer den Ist-Zustand der deutschen Schriftsprache bewahren will, beschleunigt nur ihren Verfall.

    Fragen

    Verweise

    intern

  • Schwachstellen der deutschen Sprache und Schrift

    extern

  • Institut für deutsche Sprache
  • Denks Münchener Aufruf wider die Rechtschreibreform
  • Würzburg Online: Alles zur Rechtschreibreform
  • Wortliste, Hintergründe, Veränderungen
  • Institut für Germanistik
  • Duden-Redaktion
  • Bertelsmann Lexikon Verlag

  • http://www.a2e.de/~phm/ortogref.html
    1997-01-13 © Hartmut Pilch (mail/pgp/www)