Sprachzeichenverwandschaft springt ins Auge: Gämse-Gams, Grauen-gräulich, Quantum-Quäntchen, blau-einbläuen.
Abgesehen von solchen vereinzelten volksetymologischen Fehlinterpretationen ist jedoch die Eindeutschung fremdsprachlicher Morpheme durchaus vorteilhaft. Sie stellt eine eindeutige Laut-Form-Beziehung her, ohne die Zeichen-Form-Beziehung zu beeinträchtigen. Das Morphem "filo" ist auch in "Filosofie" und "Filologie" noch als Bedeutungsträger erkennbar. Nach einiger Gewöhnung dürfte es die Bedeutungsassoziation nicht wesentlich weniger unmittelbar hervorrufen als dies heute "philo" tut.
Eine konsequente Eindeutschung auch englischer und französischer Morpheme könnte helfen, unsere Sprache gegen allzu bedenkenlose Anleihen zu immunisieren. Meistens entstehen Entlehnungen, weil der Schreiber des Deutschen nicht genügend mächtig ist. Hat er ein eindeutiges Regelsystem vor sich, das in jedem Fall konsequent anwendbar ist und sich tatsächlich beherrschen lässt, so wird er schon einmal seinen Grips anstrengen und statt "Autsorsing" lieber "Auslagerung" schreiben.
Nur wird leider auch dann, wenn es zu einer Abstimmung kommen sollte, die Öffentlichkeit ohne Wissen und Wollen zur Urne getrieben und wird dann uninformiert unter dem Eindruck irrationaler Stimmungen entscheiden. Die Kompetenz wird nur von den Ministerialbeamten zu den Kampagnenfinanzierern verlagert. Was ist eigentlich demokratischer?
Die Reformgegner lehnen es ab, sich von "denen da oben" etwas "vorschreiben" zu lassen und argumentieren mit "Menschenrechten". Zehntausende von Schülern wollen "schreiben wie Roman Herzog". Sie übersehen, dass jede Sprache und Schrift auf Konventionen beruht, die nicht in die Privatsphäre gehören, sondern mehr oder weniger sinnvoll von außen gesetzt werden. Indem sie jegliche öffentliche Normierung (Konventionssetzung) ablehnen, schützen sie aber den einzelnen keineswegs vor der Willkür der Normierung sondern überlassen sie lediglich den Kräften des "Marktes", was im Informationsbereich einem Weg in die Knechtschaft gleichkommt.
Manche Reformgegner wollen die deutsche Kultur bewahren. Leider entfernt sich aber de facto die deutsche Sprache immer mehr von dem Zustand, dem die jetzige Orthographie einmal angemessen war. Dabei wird dieses Regelwerk, das fast niemand beherscht, zunehmend unübersichtlich. Das ist mit ein Grund für grassierendes Dummdeutsch und englische Lehnwörter. Man leht sich lieber ans Englische an, statt sich auf das Glatteis unklarer Regeln zu wagen. Nur eine sehr klar geregelte deutsche Rechtschreibung bietet eine gewisse Immunität gegen den Ansturm des Englischen. Wer den Ist-Zustand der deutschen Schriftsprache bewahren will, beschleunigt nur ihren Verfall.